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Meine Geschichte einer stillen Geburt

Meine Geschichte einer stillen Geburt

Triggerwarnung: In diesem Artikel geht es um das Thema Fehlgeburt und es wird der Verlauf einer stillen Geburt beschrieben. Bitte überlege dir gut, ob du dir diese sehr emotionale und grafische Geschichte zutraust. Solltest du momentan schwanger sein rate ich dir davon ab.

Noch zwei Tage bis zur 12.SSW – das magische Datum, wann ich mich endlich heraustrauen möchte mit meiner Freude über das empfangene Kind! Im Kopf male ich mir schon aus, wie ich die Frohe Botschaft Freunden und Familie verkünde und endlich nicht mehr meinen Bauch einziehen muss, um die schon deutlich sichtbare Kugel zu verstecken. Ist halt nicht meine erste Schwangerschaft, da ist der Bauch direkt wieder in seine altbekannte Form zurückgefallen. Schwanger? Das kenne ich schon. Plopp! Aber es ist eben auch nicht meine erste Fehlgeburt. Deswegen möchte ich sicherheitshalber einen Ultraschall machen, um zu wissen dass mit dem Baby alles in Ordnung ist, bevor ich die Neuigkeiten in die große weite Welt trage. Eigentlich ein Routine Check für mich.

Die unerwartete Diagnose

 

Voller Zuversicht mache ich mich auf den Weg ins Krankenhaus zum Ultraschall. Ich fühle mich gut, fit, gesund, glücklich und stolz. Eben typisch erfüllt vom werdenden Mama Dasein. Es fühlt sich so toll an endlich wieder Leben in mir zu tragen! Ich bin im wahrsten Sinne des Wortes erfüllt. Als dann der kleine Schatz auf dem Ultraschallbildschirm erscheint hüpft mein Herz. Doch nach wenigen Sekunden fällt mir selbst auf, dass irgend etwas komisch ist. Ich sehe keinen Herzschlag. Und ich habe schon viele Ultraschallbilder gesehen! Als mich der Arzt fragt, ob ich Blutungen gehabt hätte rutscht mein Herz in die Hose und mir wird klamm – nein! Hatte ich nicht. Alles war doch gut. Obwohl ich die letzten Tage schon verdächtig oft auf meinem Unterbauch rumgedrückt hatte auf der Suche nach meiner Gebärmutter, die sich doch erfahrungsgemäß kurz vor der 12. SSW schon unter dem Schambein ertasten lassen müsse. Aber ich beruhige mich selbst damit, dass es ja noch eine Woche hin ist bis zur 12.SSW und dass sie sich bestimmt bald zeigt. Fehlanzeige. Kein Herzschlag zu sehen. Doppel Ultraschall um ein Versehen auszuschließen. Immer noch kein Herzschlag. Ich sehe es selbst glasklar vor meinen Augen: Auf diesem Bild, in diesem Kind ist kein Leben mehr. Da gibt es keinen Zweifel.

Bei 8+5, also vor 2 Wochen, hat es rechnerisch schon aufgehört zu wachsen. Mein Hals schnürt sich zu, aber ich versuche im Zimmer des Arztes Haltung zu bewahren. Invasiver Schwangerschaftsabbruch via Kurettage wird empfohlen. Könnte heute direkt gemacht werden. Muss sein. Das sitzt. Zum Glück weiss ich aus eigener Erfahrung von früheren Fehlgeburten, dass die Zeit gar nicht so drängt wie mir Glauben gemacht werden soll und ich mir ruhig noch ein wenig Zeit mit diesem Schritt lassen kann. Erstmal will ich nur raus, Abstand gewinnen. Als ich zurück zum Auto komme, wo meine Familie auf mich wartet, kann ich die Tränen und all die Enttäuschung und den Schock nicht mehr länger zurückhalten und falle schluchzend in die Arme meines Mannes. Wenige Worte reichen um klarzumachen, dass es dieses Baby nie geben wird. Wir fahren nach Hause.

Mein Entschluss

Meine Gedanken rattern. Ich habe das schonmal erlebt. Zwei Babys wurden mir bereits operativ entfernt ohne das ich eine Ahnung davon gehabt hätte, das es durchaus Alternativen gibt. Sagt einem ja keiner in der Schulmedizin. Aber online hatte ich da mal was im Rahmen meiner Trauerarbeit und meiner Recherchen gelesen über die Möglichkeit einer natürlichen Fehlgeburt, also des Ausstoßen des Körpers der toten Frucht in seinem eigenen Tempo. Das hörte sich nach einem interessanten Weg an, in Frieden und im Einklang mit dem Kind und meinem eigenen Körper die sterblichen Überreste gehen zu lassen.

Ich kontaktiere eine kürzlich befreundete Hebamme mit der Frage ob sie mir jemand für die Begleitung einer kleinen stillen Geburt kennen würde oder ob sie selbst damit Erfahrung hat und wir verabreden uns für einen Zoom-Call für den folgenden Tag (Sie ist in Deutschland, ich in Belize). Das Gespräch läuft super und es passt sofort. Sie wird mich über die kommenden Wochen bei meiner stillen Geburt begleiten. Ich habe keine richtige Vorstellung, wie das abläuft, bin aber voller Vertrauen, dass es der richtige Weg für mich ist. Ich kann mich in Ruhe von dem Kind und den zerplatzten Träumen verabschieden und es dann im natürlichen Rhythmus meines Körpers gehen lassen. Unser genialer Körper erkennt meistens automatisch durch das Sinken der Schwangershaftshormone, dass die Schwangerschaft nicht mehr intakt ist und anfängt den Inhalt der Gebärmutter auszustoßen. Dieser Vorgang ist wesentlich schonender für die Mutter als eine standardmäßig durchgeführte Ausschabung, bei der es auch zu Verletzungen kommen kann, und wird in anderen europäischen Ländern ganz selbstverständlich erlaubt. In Deutchland habe ich persönlich die Erfahrung gemacht, dass mir nicht einmal die Option oder die Information zu dieser Möglichkeit gegeben wurde. Es hiess nur: Du musst jetzt eine Ausschabung machen! Und die wurde dann geplant und durchgeführt. Bei mir hat das jedes Mal zu Irritation und einem plötzlichen Verlustgefühl geführt. Mein Verstand und mein Herz sind mit dem schnellen körperlichen „Wegmachen“ garnicht hinterher gekommen. Das natürliche Loslassen der Schwangerschaft gibt mir hingegen Zeit, mich zu verabschieden und mit der neuen Situation umzugehen. Denn ich erlebe es mit meinem Körper langsam und Schritt für Schritt und kann es so – nicht zuletzt auch körperlich – verstehen, fühlen und verarbeiten.

Der Abschied

Auf Anraten meiner Hebamme räume ich mir einen Abend Zeit nur für mich ein um mich in Ruhe von der Seele des Kindes zu vrabschieden. In einer tiefen Meditation bedanke ich mich für all die Liebe, für all die Träume, Ideen und all die Energie, alles Glück und all die schönen Momente, die dieses kleine Wesen in mein Leben gebracht und mir geschenkt hat und gebe es frei, zurückzugehen nach Hause. Denn es hat seinen Auftrag hier erfüllt. So traurig das Ganze auch ist, ich fühle mich so verbunden und lebendig wie lange nicht mehr. Auf seine ganz eigene Weise ist es auch wunderschön, dass ich diesen Prozess erleben darf. In tiefer Verbundenheit mit dem Leben und dem Universum spricht die Seele des Kindes zu mir und ich verstehe seine Botschaft an mich, mich noch mehr der Liebe hinzugeben und kann es daraufhin in Frieden ziehen lassen. Was für ein Geschenk!

Ich bin einfach nur erfüllt von einem tiefen Gefühl des Friedens, der Dankbarkeit und der Verbundenheit und könnte die nächsten Tage bei jedem Kinderkuss, bei jedem kleinen trippelnden Schritt und bei jeder angeschmiegten Wange meiner drei gesunden Kinder anfangen zu heulen. Was für ein Wunder das Leben doch ist! Was für ein Geshenk gesunde Kinder doch sind! Ich bin einfach so ungaublich dankbar für meine drei lebenden Kinder – so ein Segen, so ein Wunder, so ein Geschenk!!! Ich bin einfach nur getragen von einem schmerzhaft starken Gefühl der Liebe.

Dann lässt die Blutung auf sich warten. Eine Woche ohne richtige Blutung vergeht und dann kommt sie sogar vollends zum Stillstand. So kann es nicht weitergehen. Ich manifetiere mir fleissig einen offenen Muttermund, aus dem Alles herausfliessen darf. Auf Anraten der Hebamme gehe ich nochmal zum Ultraschall. Der Muttermund ist komplett zu und 5cm lang. Da kann nix abfliessen. Ich lasse mir von der Ärztin Cytotec (ein Medikament zum Abstoßen der Schwangerschaft) verschreiben obwohl sie absolut dagegen ist und mir gleich eine Horrorstory auftischt inklusive Bekreuzigung. Aber ich vertraue meiner deutschen Hebamme und der Möglichkeit eines natürlichen Abgangs.

Keine zwei Stunden nach Einführen des Medikaments startet die Blutung – und zwar stark. Ich kenne bislang nur meine sehr mäßige Regelblutung – das hier ist ein ganz anderes Kaliber auf das ich absolut nicht vorbereitet bin. Wie ein Gebirgsfluss nach der Gletscherschmelze strömt es aus mir heraus! Mit Maxibinden komme ich hier nicht weiter, da müssen schon Windelhosen her. Kurze Zeit lasse ich mich von der Angst leiten, wieviel Blut man eigentlich verlieren darf in einer bestimmten Zeit ohne in einen gesundheitlich grenzwertigen Bereich zu geraten oder zu verbluten. Klar ist mein Kopfkino erstmal an, nach den Berichten und der Warnung vor meinem „riskanten“ Vorhaben von Seiten der Ärztin. Meine Hebamme beruhigt mich wenig später (als sie aufgestanden ist, wir haben ja 8 Stunden Zeitverschiebung) und die Blutung normalisiert sich auch ein wenig. Schmerzen habe ich glücklicherweise nicht und so macht sich bei mir einfach nur eine riesige Erleichterung breit, dass ich endlich blute und es endlich alles gehen darf! Darauf hatte ich schon sehnlichst gewartet, denn ewig kann man diesen Ballast auch nicht mit sich rumtragen, weder körperlich noch seelisch, und die letzten Tage waren schon eine enorme Belastungsprobe gewesen!

Der innere Prozess

Mit allem, was ich in dieser Zeit erlebe wird mir klar, wie krass und mutig die Entscheidung ist, eine natürliche kleine Geburt zu erleben. Welch intensiver psychischer Prozess da mit drin steckt (und damit natürlich auch ein großes Geschenk in Form von unendlichem Potential für Wachstum durch Lernerfahrungen) und wie viel Mut ich aufbringen muss mich jeder Einzelheit zu stellen. Mir jede Ausscheidung genau anzuschauen und die komplette Schwangerschaft mit all ihren Anteilen anzuschauen. Der Angst zu begegnen, meinem eigenen toten Kind in die Augen zu schauen. Dieses Hingucken erfordert Mut. Nicht schnell wegzuschauen, schnell wegmachen zu lassen, schnell alle Spuren zu beseitigen. Sondern die Geschehnisse hautnah zu erleben. Das erfodert wahnsinnig viel Mut gerade von mir. Vor allem ganz alleine in einem fremden Land mehr oder weniger mein Ding machend. Und voll im Vertrauen zu sein. In mich, in meinen Körper, meine Intuition und meinen eigenen Weg.

Mir wird plötzlich klar, dass Leben und Tod genau das gleiche ist. Nicht nur zwei Seiten einer Medaille sondern genau das Gleiche! Bei so einem entstehenden Leben, was dann verstirbt ist es so krass zu sehen. Und was das mit mir macht. All die Emotionen, all der Schmerz, all die Trauer. All das Leben in mir! So intensiv dieser Abschied ist, so lebendig ist er auch in mir. Durch diesen kleinen Tod spüre ich ein wahnsinniges Gefühl von Lebendigkeit in mir, auf eine verrückte, intensive, verbundene Art und Weise. Das Eine kann nicht ohne das Andere existieren. Der Tod ist Teil des Lebens. Er ist das Leben! Schon 1000 Mal gehört, aber noch nie emotional verstanden. Heute Abend komplett gefühlt. Dieser Tod bringt mir Leben, Lebendigkeit. Er ist damit Leben. Teil des Lebens. Ich denke noch eine Weile darüber ach, wie entfremdet wir heutzutage vo unserem eigenen Leben sind. Wie sehr wir uns selbst unserer eigenen Lebendigkeit entmündigen, indem wir das Leben in Form von Geburt und Tod auslagern. Es verstecken wollen, die Türen schliessen, es ausschließen. Frauen sehen in der Regel nie eine Geburt bevor sie nicht selbst ihr erstes Kind gebären und deshalb wissen sie auch nicht, was da auf sie zukommt. Das kreiert wahnsinnige Ängste und Unsicherheiten. War bei mir auch so. Genau so ist das mit den Toten. Schnell abholen lassen, nicht mehr sehen, nicht mehr anfassen, nicht diese Transformtion vom Lebenden zum toten Körper erleben. Alles wegschließen oder wegoperieren. Dabei ist doch der körperliche Abschied ein zentraler Teil des Trauerprozesses und – eben – des Lebens. Und dann gibt es Generationen von Menschen, die sich vereinzelt, einsam und sinnentleert fühlen. Ja, weil sie eben an ganz wichtigen Stellen des Lebens NICHT LEBEN.

Irgendwann schlafe ich ein.

Nächster Morgen. Tägliche Vormittags-Routine. Frühstück, Abwasch, Haushalt, Kinder. Die Blutung ist schon wieder fast zum Stillstand gekommen. Ich werde noch verrückt. Ich will, dass jetzt endlich alles rauskommt und connecte mich nochmal mit dem Universum und bitte es um Unterstützung auf diesem Weg des natürlichen Abgangs. Warum wird es mir so schwer gemacht? Wie gelingt es mir, meine Ängste zu besiegen und im Vertrauen zu bleiben dass mein Muttermund weit geöffnet ist und alles rauskommt, was zu dieser Schwangerschaft gehört?

Ich muss kurz daran denken was eine Freundin zu mir gesagt hat: das man manchmal manifstiert und affirmiert und der eigene Seelenplan einfach ein anderer ist und man dann da nichts machen kann. Das Universum handelt immer zu deinem Besten! Das erinnert mich irgendwie an Krebspatienten die auf allen Wegen ihre Heilung erringen wollen und von Ernährungsumstellung über Lebensstil-Wandel bis spirituelle Heilungswege alles versuchen um am Ende doch zu sterben. Ist das dann höherer Plan?! Handelt das Universum da zu meinem Besten? Es ist ein Drahtseilakt da im Vertrauen zu bleiben. Im Prinzip eine Frage des Glaubens: Hingabe an den Höheren Sinn oder eine ungerechte Laune der Natur? Was will mir mein Körper damit sagen? Warum handelt er nicht „planmäßig“ und spuckt jetzt einfach mal alles aus?

Ich vertraue darauf, das meine Affirmation ja gestern auch voll funktioniert hat und beschließe weiterhin mit dem Universum im Rücken an meinen natürlichen Abgang zu glauben und dass der Embryo heute noch geboren wird.

Meine kleine Tochter sang heute morgen in meinem Bett plötzlich „Happy Birthday“ das habe ich als Zeichen gesehen das es heute soweit sein wird. Einen Geburtstagskuchen haben wir auch schon gebacken. Also komm jetzt!

Schon wieder ist ein Tag rum. Der Kuchen ist aufgegessen aber an Gewebe ist weiter nichts abgegangen außer einer schwachen Blutung und schwachen Wehen. Der psychische Druck steigt, denn endlos könne mann dann auch nicht auf die Abblutung warten, da bestünde Infektionsgefahr, so die ExpertInnen. Meine Hebamme fragt mich, ob mich noch irgend etwas zurückhält? Ob ich noch irgend etwas nicht zulassen möchte? Ich bringe meine Kinder ins Bett und vesinke in einer tiefen Meditation. Worte aus einem anderen Coaching kommen mir in den Sinn, die irgendwie auch auf meinen aktuellen Kontext passen: Du kannst so viel deine Ziele manifestieren wie du willst, wenn im Unterbewusstsein etwas gegen dich manifestiert was stärker ist, dann hat das Vorrang und wird „gewinnen“. Was ist da also, was mich noch zurückhält? Warum ich nicht loslassen kann?

Ich weiss, dass – solange ich unbedingt meinen Weg durchdrücken will und gegen eine mögliche Worst-Case-Szenario – Ausschabung ankämpfe – genau das eintreten wird und mich selbst in meiner Manifestation blockiert. Also schliesse ich Frieden mit allen Möglichkeiten und bedanke mich für all die Möglichkeiten auch der modernen Medizin die sich mir bieten in dem Sinne mir zu helfen und nehme alle Möglichkeiten offen und dankend in Kauf. Ich gebe mich komplett hin und löse mich auf in der unendlichen Weisheit des Universums – I surrender!

Zwischen Hoffnung und Verzweiflung

Nächster Tag – 12 Tage nach der Diagnose: ich versuche alles easy angehen zu lassen, entspannt zu bleiben und nicht zu sehr im Kopf zu bleiben und mich zu stressen. Meine Affirmationen helfen mir dabei. Am Vormittag kommt die Blutung zurück – jippiiee – vielleicht hat das Auflösen doch was gebracht? – doch mittags ist der ganze Spuk schonwieder vorbei. Menno. Ich beschliesse weier loszulassen und mich nicht mehr weiter kaputt zu machen. Wo ein Wille ist, ist KEIN Weg! Also entspannen, loslassen, ablenken!

Ich verbringe den Tage müde und kaputt mehr oder weniger in der Hängematte. Abends gönne ich mir einen Whiskey (auch in der Hängematte) um einfach echt mal abzuschalten (das klappt natürlich trotzdem nicht ganz). Da geht ganz plötzlich ein super heller Stern auf, der alle anderen in den Schatten stellt. Ich sehe das Zeichen und grüße mein Kind: Hallo! Bist du jetzt endlich zuhause angekommen! Wie schön. Ich nehme das als positives Zeichen mit, dass der Embryo vielleicht doch schon abgegangen ist unbemerkt und das ich mir weniger Sorgen machen muss für den Kontrollultraschall Anfang der Woche. Meine Hebamme beruhigt mich auch mit den Worten: Die Natur und der Körper sind immer im Bestreben, alles auszuscheiden und sich selbst zu reinigen und zu heilen. Vertraue darauf. Und ich habe gerade zur gleichen Zeit, als du deinen Stern gesehen hast bei meinem Frühmorgen-Spaziergang eine Sternschnuppe gesehen – wer weiss wer das war!

Drei Tage später bin ich zur Nachkontrolle – es befinden sich immer noch Gewebereste in der Gebärmutter. Dankbarerweise lässt sich meine Ärztin darauf ein, mir ein zweites Mal Cytotec zu verschreiben so dass dann hoffentlich alles rauskommt. Doch „der Schwall“ lässt auf sich warten. Nach mehreren Stunden setzt eine schwache frische Blutung ein, die aber auch nicht lange dauert. Abends versuche ich der Ausscheidung verzweifelt nochmal mit Kopfstand und Luftsprüngen auf die Sprünge zu helfen. Ich öffne mich soweit und lasse so sehr los, dass ich mir sogar in die Windel pinkel. Aber an Blut kommt nichts. Ich fühle mich betrogen von meinem Körper und im Stich gelassen von seiner Funktionsfähigkeit. Gedanken wie: „Mein Körper kann es nicht, mit mir ist etwas falsch, ich kriege das nicht hin“ und die entsprechende Verzweifelung machen sich in mir breit. Warum tue ich mir das eigentlich alles an? Wäre es nicht vielleicht doch einfacher jetzt diese Ausschabung zu machen und dem Spuk ein Ende zu setzen?

Glücklicherweise baut mich meine Hebamme wieder auf und rückt meinen Kopf wieder gerade, dass mein Körper immer perfekt ist und alles gut wird: Die einzige Frage, die sich stellt ist: Was würde die Liebe machen? Und nachem ich da reingefühlt habe und genau weiss, meine Antwort ist abwarten und dem Körper seine Zeit geben und mich selbst ehren und schätzen und lieben, indem ich ihn in seinem eigenen Tempo alleine machen lasse ohne Druck und ständige Interventionen, geht es mir viel besser und ich kann mich endlich entspannen. Wieder mehr den Moment sehen und genießen ohne ständig an das nächste Horrorszenario zu denken. Und langsam und bestätig fliesst das Rinnsaal in meiner Hose…

Die Überraschung

Sonntag verbringe ich auch fast den ganzen Tag im Bett. Zum Glück übernimmt mein Mann viel die Kinder und ist zuhuse so dass ich hemmungslos rumlümmeln kann. Als ich abends dann auf dem Sofa sitze trifft mich die Überraschung des Tages, ach was, der Woche: Es kommt Blut. Und zwar spürbar! Ich dachte ja eigentlich, dass jetzt so langsam alles raus sein sollte, da „ploppt“ es plötzlich nochmal richtig und ich begebe mich schnell ins Bad. Der zweite, verbliebene Teil der Schwangerschaft hat sich endlich gelöst und bahnt sich nun seinen Weg in die Freiheit. Eine ziemliche Sauerei im Bad, weil es mich auch so überrumpelt. Nach wenigen Minuten legt sich die Blutung wieder und ich kann mich sauber machen. Krass! Hinterher fühle ich mich echt wie nach einer richtigen Geburt so auf einem hormonellen Hoch! Ich spüre intuitiv das jetzt alles rausgekommen ist und bin meinem Körper so dankbar, dass er das so toll macht! Später schreibe ich eine SMS an meine Hebamme: „Es ist schon verrückt, wie man seine eigene Fehlgeburt so abfeiern kann wie ich es gerade tue!“

Und so verrückt das vielleicht klingen mag: Die Erleichterung über den endlichen Abgang und damit auch das endgültge Loslassen der vergangenen schweren Wochen fällt mit einem Mal von mir ab. Schon ein kleiner Schock, aber auch so ein Glück das jetzt doch alles gehen darf! Meine Müdigkeit ist wie Weggeblasen und an Schlaf ist jetzt erstmal nichtmehr zu denken. Abends rollen dann schon auch noch ein paar Abschiedstränen. Es ist einfach so bewegend, diese ganze Schwangerschaft und ihr lehrreiches Ende, was dann doch auch so lange dauert und so ein intensiver Prozess ist, der mich in so vielen Aspekten mir Selbst und meinem Leben wieder so viel näher bringt! Ich bin zutiefst dankbar und werde jetzt einfach die kommende Woche noch abwarten bis die Wochenbett-Butung abklingt und ich nochmal zur Nachsorge gehen kann.

Das Leben danach

Am Sonntag stehe ich mit Jogginghose in der Küche und fühle mich komisch. Look stimmt, Wochenblutung passt, nur das Baby fehlt. Total komisch, da stehe ich da und fühle mich echt so richtig wie im Wochenbett, nur das es keinen Säugling gibt um den ich mich kümmern kann, den ich riechen kann oder der nach mir schreit. Nur mich eben.

2 Wochen sind vergangen. Die Blutung hat sich direkt umgestellt in so einen richtigen Wochenfluss. Sieht eben anders aus als eine Regelblutung. Nun ist es fast abgeebbt. Ich gehe zur Nachuntersuchung um einen letzten Ultraschall machen zu lassen, dass sich alles normalisiert hat: Nein! Es sind immernoch minimalle Gewebereste in der Gebärmutter verblieben. Der Frauenärztin machen die Gewebereste Sorgen. Infektionsgefahr. Sie drängt wieder zur Ausschabung. Wären ja nur 10 Minuten. Ich will nicht. Dann sagt sie, wir könnten ja noch 1 Monat warten, da der Muttermund eh zu sei und kaum Infektionsgefahr bestünde. Ich weiss aus anderen Berichten, dass sich Reste einer kleinen Geburt auch noch mit der ersten Monatsblutung lösen und ausschwemmen können. Insofern stimme ich erleichtert zu und gehe nach Hause. Schon blöd, ich hatte echt gehofft dieses Kapitel heute endgültig abschliessen zu können und meine Energie wieder auf andere Dinge und neue Projekte richten zu können. Jetzt bleibt mir das Thema noch mindestens einen Monat erhalten. Das heisst für mich auch: im Vertrauen bleiben, mir selbst ganz viel Zuversicht und Liebe schenken und mich immer wieder mit meiner weiblichen Kraft verbinden. Ich weiss, mein Körper kann das. Ich darf ihm vertrauen und in dem Glauben sein dass alles gut wird.

Zwei Wochen später. Meine erste Periode nach der kleinen Geburt setzt ein. Überraschung! Dafür bleibt sie auch gleich ganze zwei Wochen, wo ich normalerweise eine leichte Periode von wenigen Tagen habe. Aber diesmal will offensichtlich noch einiges mit raus. Nur zu. Nach 2 Wochen bin ich dann auch echt froh, dass die Blutung vorbeigeht und fühle mich gut und gestärkt. Ich beschließe in wenigen Tagen dann zur finalen Nachuntersuchung zu gehen. Dann nach drei Tagen der Schock: Ich blute wieder! Und zwar so richtig frisch rot! Wie kann das denn jetzt ein? Ist das jetzt schon die nächste Periode? Nee, das geht ja nicht. Was mache ich? Verfalle ich in Panik oder vertraue ich meinem Körper, das er schon alles richtig macht? Ich entscheide mich abzuwarten und meinem Körper Zeit zu geben, auch jetzt noch alles loszuwerden, was nicht mehr zu mir gehört und was gehen darf. Meinem Gefühl nach sind das jetzt noch die letzten Reste der Schwangerschaft denn es passt alles vom Abbluten und der Farbe zu meinen vergangenen Erfahrungen. Nach drei Tagen regelstarker Blutung ist auch das vorbei. Ich beschliesse mir noch eine Woche Ruhe und Zeit zu geben und dann die finale Nachuntersuchung beim Radiologen (Ultraschall) in Angriff zu nehmen.

Der finale Ultraschall-Check

10.12.2020 Es sind jetzt fast genau 3 Monate seit dem ersten entscheidenden Ultraschall vergangen. Heute habe ich einen Termin im Krankenhaus zum finalen Nachsorge-Ultraschall. Obwohl ich mir meiner Sache eigentlich sehr sicher bin, bin ich natürlich trotzdem ein wenig aufgeregt und will es am Liebsten schon hinter mir haben. Ohne Frühstück fahren wir also los und dann ist nach einem kurzen Check auch alles schnell vorbei. Gebärmutter normal, Eierstöcke normal, nichts mehr drin, alles leer, Zyste weg. Alles ausgeblutet. Mir fallen gefühlt 10.000 Steine von den Schultern. Ob ich denn keine OP gehabt hätte? Fragt der Radiologe mich nochmal und ich verneine stolz und bin sooo happy und erleichtert dass ich und mein Körper diese kleine Geburt tatsächlich voll und ganz alleine geschafft haben und das ich nun endlich (nach 3 Monaten mit Dauerbinde in der Hose) dieses Kapitel abschließen kann. Welch ein Segen! Ich bin endlich wieder „normal“ und kann mit diesem schwierigen und doch so lehrreichen Kapitel meines Lebens abschließen. Besonders jetzt so kurz vor Weihnachten ist das natürlich besonders schön da zum Jahresende die Zeit zum Loslassen und verabschieden ist und ich das Neue Jahr nun hoffnungsfroh und unbeschwert beginnen darf. Danke dafür!

Mein emotionales Fazit

Ich bin unglaublich stolz auf mich und mir selbst zu Tiefstem Dank verpflichtet, dass ich so sehr meinem Herzen gefolgt bin, nicht auf die Angst gehört habe, die natürlich auch oft präsent war, sondern mich immer wieder mit der Liebe verbinden konnte und mich ins Vertrauen fallen ließ um den für mich richtigen Weg zu gehen. Es war mit Sicherheit nicht einfach und trotzdem sooo wichtig und richtig. Was für eine Bestätigung meiner weiblichen Kraft und meiner Verbindung zu meinem Körper, dass wir das gemeinsam geschafft haben ohne medizinischen Eingriff, ganz alleine auf einem fremden Kontinent mit der wundervollen Begleitung der tapferen Kerstin Tenn, die mich als Hebamme online insbesondere in den ersten Wochen begleitet hat und mir so wichtigen Halt in den schwierigsten Momenten gegeben hat. Danke dir von Herzen!

Es ist so wichtig, liebevolle und verständnisvolle und professionelle Menschen um dich herum zu haben, die nur dein Bestes im Sinn haben, wenn du besonders verletzlich bist. Dafür bin ich unendlich dankbar und ohne sie hätte ich es vielleicht nicht geschafft auch dem Druck des Krankenhauses und meinen eigenen Sorgen und Ängsten zu trotzen.

Abschließend möchte ich einfach nochmal sagen, dass diese selbstbestimmte kleine Geburt für mich ein absoluter Gamechanger war. Die ich ja vor vielen Jahren schonmal zwei „Fehlgeburten“ hatte, wo beide Schwangerschaften mithilfe einer Ausschabung beendet wurden. Das war für mich damals sehr schmerzhaft und ich konnte die Erfahrungen nie wirklich verarbeiten, weil mir vollkommen der Bezug fehlte, was sich körperlich ereignet hatte und ich seelisch garnicht mitkam, es keinen Prozess gab dem ich folgen konnte. Die Erfahrung dieser kleinen Geburt gab mir diesmal die Möglichkeit selbstbestimmt und eigenverantwortlich über meine Schwangerschaft und das weitere Vorgehen, über meinen Körper und meinen Trauerprozess zu entscheiden, was mir ein starkes Gefühl der Selbstermächtigung gegeben hat. Gleichzeitig war es ein sehr langwieriger und zehrender Prozess. Aber grundlegend hat mir die Erfahrung einfach einen tiefen Zugang zu meiner Weiblichkeit und meiner weiblichen Kraft gegeben und ein unendliches Vertrauen in meinen Körper und das Leben an sich geschenkt. Diese Kraft wirkt fortan unzerstörbar in mir als eine unglaubliche Ressource, für die ich unendlich dankbar bin.

Betonen möchte ich an dieser Stelle abschließend noch, das ich die unterschiedlichen Wege und Möglichkeiten eines Schwangerschaftsverlusts bzw. des Umgangs damit nicht bewerten möchte. Für mich individuell war die natürliche Geburt einfach ein einschneidend positives Erlebnis. Genauso kann für andere Frauen eine Ausschabung die richtige Lösung sein. Mir geht es auch nicht darum, die Möglichkeiten der modernen Medizin zu schmälern, die ich großartig finde. Aber für mich war es in dieser Situation wichtig, möglichst ohne Eingriffe der Natur und meinem Körper zu vertrauen und mich vom natürlichen Verlauf der Dinge leiten zu lassen.

Ich wünsche mir, mit meiner Geschichte anderen Frauen Mut machen zu können, auch in schwierigen Situationen bei sich zu bleiben und ihrem eigenen Herz und ihrer inneren Stimme zu folgen. Für die eigene Heilung und Gesundheit, die immer an erster Stelle stehen sollte, zu gehen. Nur DU bist die Expertin für deinen Körper!

Ich wünsche mir, dass ich einen kleinen Beitrag dazu leisten kann, das Thema „Fehlgeburten“ und Sternenkinder aus der Tiefe des Tabus herauszuholen. Damit sich nie wieder Frauen alleine mit ihrer Erfahrung fühlen, wie ich es vor vielen Jahren empfunden habe und nicht wissen, wann, wie und wo sie das Erlebte überhaupt händeln und verarbeiten können.

Wenn du selbst betroffen bist, Fragen hast oder Gesprächsbedarf besteht kannst du mich gerne jederzeit kontaktieren. Ich begleite dich in deinem Heilungsprozess.

Danke für das Lesen und Alles Liebe,

Deine Rosa

P.S: Vielleicht interessieren dich auch meine früheren Schwangerschaftsberichte oder meine Tipps zu Geburt & Wochenbett!

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